Folter – Trauma - Therapie

    Definition von Folter

    Die breite Verwendung des Begriffs Folter macht es nötig, klar zu definieren, was unter Folter zu verstehen ist.

    Als Basis und Referenzpunkt dient die Definition der 9. UNO-Konvention «Gegen Folter und andere Formen grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlungen oder Bestrafung» von 1984. Die Konvention trat im Juni 1987 in Kraft und wurde bis heute (Stand August 2015) von 158 Staaten ratifiziert. Gemäss dieser Definition müssen folgende Punkte erfüllt sein, damit der Tatbestand Folter gegeben ist beziehungsweise Folter von anderen Formen von Misshandlung abgegrenzt werden kann:

    • Vorsätzlichkeit
    • Zufügen schwerer physischer oder psychischer Schmerzen und Leiden
    • Täterschaft: Angehörige des öffentlichen Dienstes oder in amtlicher Eigenschaft handelnd
    • Zufügen der Schmerzen oder Leiden auf Veranlassung oder mit ausdrücklichem oder stillschweigenden Einverständnis der oben Genannten

    UNO-Konvention

    humanrights.ch

    Foltermethoden

    Foltermethoden reichen von brachialer Gewaltausübung bis hin zu subtilen Techniken der psychischen Beeinflussung.

    Um den Nachweis der Folter zu erschweren, besteht die Tendenz, die Anwendung von Methoden, welche körperliche Spuren hinterlassen, zu vermeiden. Dagegen werden die unter (psychischem) Druck ausgeübten Befragungstechniken laufend weiterentwickelt. 

    Neben Grausamkeiten, auf die der Folterbegriff i.e.S. angewendet werden kann, wird eine Vielzahl anderer Formen von grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung oder Strafe praktiziert, die nach Völkerrecht verboten sind (z.B. Terrorismus, Bedrohung, Entführung, Vergewaltigung). 

    Bisweilen sind auch Ärzte und Psychologen direkt oder indirekt am Foltergeschehen beteiligt, sei es als Folterer selbst oder indem sie notwendige Behandlungen unterlassen oder falsche Autopsieberichte erstellen. Weiter wird in oder mit Hilfe von psychiatrischen Institutionen sowie mittels Missbrauch von Medikamenten Folter ausgeübt. 
     

    Ziel der Folter

    Angriff auf die grundlegenden Bindungen 

    Folter dient oft nicht primär dem Informationsgewinn, sondern zielt darauf ab, einen Menschen in seiner Ganzheit anzugreifen und zu brechen.Persönlichkeit, Identität und Wertvorstellungen sollen zerstört werden, ohne dass der physische Tod eintritt. Die Persönlichkeit wird erschüttert, indem ihre weltanschaulichen, sozialen, normativen, ideellen, körperlichen und psychischen Verankerungen aufgelöst werden. Diese grundlegenden Ebenen (z.B. Sicherheitsgefühl, Selbstwert, Zugehörigkeit, Vertrauen), die weit über die materiellen Aspekte von Existenz hinaus reichen, sind demnach die eigentliche Zielscheibe von Folter. 

    Angriff auf das Kollektiv 

    Individuen sind bei der Folter letztlich nur Mittel zum Zweck. Das eigentliche Ziel der Folter ist viel weiter gefasst: Mit der Zerstörung einzelner Existenzen wird primär das für die Täterschaft bedeutsame Kollektiv angegriffen (z.B. eine politische Partei). Gefolterte Menschen umschreiben ihren Zustand häufig als «lebendig tot» und illustrieren damit, dass sie zwar nicht in physischer, aber in psychischer und sozialer Hinsicht zerstört sind. Damit ist das Ziel der Folter erreicht, über die Individuen deren unmittelbares Umfeld einzuschüchtern und ein Klima der Angst in der Gesellschaft zu erzeugen.

    Definition von Trauma

    Gewalt durch Folter und Krieg liegt weit ausserhalb jeglicher Normalität und Vorstellung und gehört damit zu jenen kritischen Lebensereignissen, die als Trauma bezeichnet werden.

    Nach ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) wird Trauma wie folgt definiert:

    • Trauma ist ein kurzes oder langandauerndes Ereignis oder Geschehen von aussergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmass, welches nahezu bei jedem Menschen eine tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde. 
    • Zu einem Trauma kann es kommen, wenn entsprechende Ereignisse direkt erlebt, als Zeuge beobachtet oder aber auch in indirekter Form (durch Erzählen) miterlebt werden. Für Traumatisierungen im Zusammenhang mit Folter und Krieg ist diese Differenzierung relevant, da einerseits der Zwang, Zeuge der Gewalt zu sein, häufig systematisch als Foltermethode eingesetzt wird,  anderseits können auch nicht vor Ort anwesende Angehörige von Folter- bzw. Kriegsopfern stark belastet sein.

    ICD

    Die traumatische Reaktion

    Entsprechend o.g. Definition (Punkt 4) geht ein Trauma bei jedem Menschen mit einer heftigen emotionalen und meist auch körperlichen Reaktion einher.

    Die Reaktion auf ein Trauma ist somit als normale Reaktion auf ein anormales Geschehen einzustufen. Oft wird dadurch auch das bisherige Welt- und Selbstbild in Frage gestellt und erschüttert. In den meisten Fällen klingt die traumatische Reaktion nach Tagen oder Wochen spontan wieder ab. Erst wenn die Betroffenen innerlich in ihrem traumatischen Zustand gefangen bleiben und dadurch leiden und in ihrer Funktionsfähigkeit beeinträchtigt werden, kann von einer pathologischen Reaktion gesprochen werden. Im klassischen Verständnis von Traumafolgestörungen stehen dabei anhaltende Angst- und Bedrohungsgefühle im Vordergrund. Häufig sind es jedoch auch Gefühle von Scham, Schuld, Trauer oder Wut, welche die Betroffenen an ihre Erlebnisse binden und entsprechend unterschiedliche Beschwerdebilder verursachen können. 

    Weitere Informationen

    Psychiatrische Beschwerdebilder

    Ausgehend vom zeitlichen Auftreten der Symptome sowie vom Verlauf werden die allgemeinen psychotraumatischen Belastungssyndrome als akut, subakut, chronisch oder verzögert bezeichnet.

    Die folgenden Diagnosen und Syndrome sind bei Folter- und Kriegsopfern teilweise, im Vollbild oder in Überschneidungen am häufigsten vorzufinden. 

    Spezifische Traumafolgestörungen

    • Akute Belastungsreaktion
    • Posttraumatische Belastungsstörung
    • Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung

    Unspezifische Traumafolgestörungen

    • Anpassungsstörung wie z.B. abnorme Trauerreaktion
    • Affektive Störungen und Depression
    • Angststörungen
    • Suchtmittel- und Medikamentenabhängigkeit
    • Somatoforme Schmerzstörung

    Bei traumatisierten Migrantinnen und Migranten wird häufig eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Die PTBS weist eine hohe Komorbidität vor allem mit Angststörungen und Depressionen auf, wobei die differentialdiagnostische Abgrenzung schwierig ist. Gleichzeitig ist die Gefahr einer sekundären Suchtmittel- und Medikamentenabhängigkeit bei PTBS relativ hoch. Die Beschwerdebilder stehen oft in Verbindung mit chronischen Schmerzsyndromen, welche teils körperliche, teils psychosomatische Ursachen haben .

    Oft wirken sich Traumata stark im zwischenmenschlichen Bereich aus: Betroffene sind häufig misstrauisch, ziehen sich zurück, ertragen keinen Lärm oder keinen Druck, reagieren oft gereizt, impulsiv oder fühlen sich schlecht behandelt. Entsprechend sind es nicht selten Probleme im Familienleben oder bei der Arbeit, welche Anlass für eine Behandlungsaufnahme sind.  

    Für das Verständnis und die Beurteilung (diagnostisch und therapeutisch) von kriegs- und foltertraumatisierten Menschen ist es zentral, der sozialen und gesellschaftspolitischen Dimension Rechnung zu tragen sowie die langfristige Perspektive und die chronischen Verläufe der Folterfolgen mit zu berücksichtigen. Das weit verbreitete Konzept der PTBS gibt in dieser Hinsicht die Lebens- und Leidensrealitäten von Folter- und Kriegsüberlebenden nur unzureichend wieder. Diese Defizite führten zur Entwicklung von umfassenderen Konzepten wie z.B. Disorder of Extreme Stress (Bessel van der Kolk, 1996) oder komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS, Judith Herman, 1993).

    Therapeutische Betreuung

    Neben der gezielten Anwendung von therapeutischen, auf die individuellen Bedürfnisse der Traumatisierten abgestimmten Behandlungsmethoden sind in der therapeutischen Begleitung die Grundhaltungen, inneren Überzeugungen und Erfahrungen der Helfenden bedeutsam.

    Einen wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeiten und die Bereitschaft der Traumatisierten sich therapeutisch begleiten zu lassen, hat zudem der institutionelle Rahmen, in welchem die Betreuung angesiedelt ist. 

    Als besonders wirksame Eckpfeiler in der therapeutischen Betreuung haben sich das Einnehmen einer salutogenetischen Perspektive, ressourcenorientiertes Arbeiten sowie das Integrieren der therapeutischen Betreuung in den Kontext eines erweiterten (Helfer-)Systems erwiesen.
     

    Ziele der Begleitung und Therapie

    Für die Therapie, soziale Beratung und Begleitung von gefolterten und vom Krieg traumatisierten Menschen können keine allgemeinen Ziele formuliert werden.

    Sie werden individuell personen- und problemorientiert gemeinsam formuliert. Es geht dabei auch um die Klärung des Behandlungs- bzw. Beratungsauftrags (z.B. Unterstützung medizinischer Massnahmen, Befreiung von körperlichen Leiden ohne somatischen Befund, Hilfe bei Arbeitssuche und beruflicher Integration, Konfliktmanagement in Bezug auf Helfersysteme, Psychotherapie, Abklärung von Rentenbedarf). 

    Heilung im klassischen Sinn ist bei extremtraumatischen Erfahrungen nicht möglich. Indes sind auch kleine, aber konkrete Verbesserungen für Menschen, die in ihrer Gewalterfahrung in mancher Hinsicht fragmentiert wurden, wichtig. Ein übergeordnetes Ziel ist das Überleben, d.h. zu lernen, mit den grausamen Gewalterlebnissen zu leben. Nach dem Überleben der physischen, existenziellen Bedrohungen geht es darum, die seelische und körperliche Kraft wieder zu gewinnen, um das gegenwärtige Leben meistern zu können. 

    Der Fokus der Behandlung respektive Begleitung richtet sich auf das Bewältigen mit den Komponenten «das Vergangene verstehen», «Trauer zulassen», «Verluste akzeptieren» und «die Geschehnisse in die eigene Biographie integrieren». Die Ziele der Begleitung und Therapie umfassen jedoch auch das Verhältnis zum «Leben vorher», die gegenwärtige Situation und Perspektiven für die Zukunft.

    Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.

    Martin Kessel

    Verbundspartner